Nö – einfach NÖ!

Klassenpflegschaftssitzung. Die üblichen, wenigen Verdächtigen (sprich: Eltern, die sich irgendwie für ihr Kind und die Schule interessieren) sitzen aufgereiht auf den Ministühlchen in der Grundschule.

Auftritt Klassenlehrerin. „Hallo zusammen. Wer schreibt das Protokoll?“

Schweigen. Blicke. Zu mir. Eine Stimme von links außen. „Na, ich würde mal sagen, DU machst das, das hat doch die letzten 4 Jahre so gut geklappt…“ Breites Grinsen. Von überall her.

„Nein, ich heute nicht.“ Batsch. Entsetztes Schweigen. Frau Schachtldaifal schreibt nicht. Wo sie doch zumeist sonst geschrieben hat. Klaglos. Weil’s sonst keiner machen wollten und alle ihre Schuhe angesehen haben. Oder den Boden.

„Bist du krank?“ Erschrockener Blick von halblinks von einer wirklich netten, einfühlsamen Mutter.

„Nö. Alles gut, alles wie immer. Ich mache es nur heute nicht. Ich mag nicht.“

Stille. Geräusche von eingesaugtem und stoßweise ausgeatmetem Restsauerstoff, welcher nicht üppig vorhanden ist in diesem Klassenraum.

Sie MAG nicht. Noch nie gehört. Ich warte. Ich gucke definitiv nicht meine Schuhe oder den Boden an. Wird Frau Schachtldaifal noch umschwenken? Wird sie die starrende Stille aushalten können? Wird sie??

Jau, sie guckt. Sie holt sich l a n g s a m ein Bonbon aus der Tasche. Sie schiebt es in den Mund. Sie lutscht.

Endlich findet sich noch jemand, der offensichtlich des Schreibens mächtig ist. Erleichterung.

Ich lutsche weiter und fühle mich großartig. Warum nicht schon eher? Warum immer so höflich? Warum nicht gleich sagen, was Sache ist?

Bin wohl so erzogen worden, höflich und nett. Anständig sein. Lächeln.

Mit den Jahren wuchs in mir Erkenntnis. Viele Menschen sind mitnichten ebenso höflich und nett. Sie nutzen dich schamlos aus. Man selbst hingegen reagiert sehenden Auges wiederum höflich. Das ist für die innere Balance auf die Dauer mega anstrengend. Und man ärgert sich im Nachhinein darüber, dass man nicht Tacheles geredet hat.

Daher habe ich es mir so langsam angewöhnt, nicht mehr diese für mich zunächst am einfachsten erscheinende, langfristig hingegen für mein seelisches Wohlbefinden wenig förderliche Devotschiene zu fahren.

Am besten ist immer noch die Wahrheit. Gleich. Auch wenn’s weh tut.

Ich bin nicht dein Taxi, dein Hotel, dein Packesel oder dein Koch. Nicht falsch verstehen: Es gibt viele liebe Menschen, die selber anständig und empathisch sind. Für die würde ich alles tun und ihnen jederzeit helfen. Die sind immer willkommen. Aber ausnutzen lassen möchte ich mich nicht mehr.

Sehr erfüllend, wenn man das auch durchzieht. Die Wahrheit aussprechen.

Den Postboten abfangen und ihm klar sagen, dass man die Briefe bitte nicht nass und am besten auch nur die eigenen und nicht die der gesamten Nachbarschaft im Briefkasten haben möchte.

Dem Hundebesitzer in freundlichen, aber klaren Worten sagen, dass er seinen Dalmatiner nicht frei im Wald laufen lassen kann, wenn dieser noch nicht mal auf seine Kommandos hört und andere Hund anfällt (von Rehen ganz zu schweigen).

Und eben auch nicht Protokolle schreiben, wenn andere Muttis noch nie in den 4 Jahren Grundschule irgendwo aktiv geholfen oder zumindest einen Kuchen gebacken haben.

Am Ende der Pflegschaftssitzung war zumindest dieser Drops gelutscht. Nö – einfach Nö!

Vielen Dank an dieser Stelle an die liebe/den lieben J. und M. aus P. , die mir mit einem wegweisenden Buch („Du musst nicht von allen gemocht werden“ von Ichiro Kishimi und Fumitake Koga) die Augen nochmals einen Spalt weiter geöffnet haben.